Rede von Herbert Picht am 24.02.2017

Heute ist ein denkwürdiger Tag. Mit dem 24. Februar jährt sich der Todestag von Franz Stock, dem Namensgeber unserer Schule. Franz Stock starb am 24. Februar 1948, also vor 69 Jahren.

Nach dem Requiem für Franz Stock wurde sein Sarg in den wartenden Wagen eines Bestattungsinstitutes verladen und zum Friedhof gefahren. In einem verwilderten Geviert der Kriegsgefangenengräber, zwischen Komposthaufen und Brennnesseln wurde Stocks Sarg ins Grab gelassen. Etwa ein Dutzend Menschen umstand die Grabstätte; unter ihnen eine alte Frau, die mit Blick auf das Grab und die Umstände dieser Beerdigung immer wieder vor sich hin murmelte: „Quel scandale, quel scandale!“ –  Welch ein Skandal!

Tatsächlich hatte die Bestattung etwas Unheilvolles an sich. Sie ähnelte der in aller Heimlichkeit vorgenommenen Beerdigung eines Übeltäters oder dem flüchtig-gleichgültigen Begräbnis eines Unbekannten.

Weder das eine noch das andere traf zu, aber er war Kriegsgefangener und musste, wie alle Kriegsgefangenen auf diesem Friedhof begraben werden. Außerdem durfte der Tod eines Kriegsgefangenen nicht öffentlich bekannt gemacht werden.               „Quel scandale“ , die Worte der alten Frau standen allen Teilnehmern der Beerdigung auf den Gesichtern geschrieben. Sie galten dem Grab, den Umständen, aber sie beschworen ungewollt auch den Wider-spruch, der sich im Sterben Franz Stocks auftat.

Dieser Franz Stock, der von 1940 bis zum Kriegsende in den Gefängnissen von Paris – Cherche Midi, La Santé, Fresnes – die Gefangenen Widerstandskämpfer und Gegner des Hitler-Regimes betreute und in der Ausweglosigkeit ihrer Situation stärkte, ihnen heimlich Nachrichten von ihren Familien überbrachte, andere Widerstandskämpfer vor drohenden Gefahren warnte, diesen Mann nannten die Franzosen „Erzengel der Hölle“, weil er das unsägliche Leid und Elend zwar nicht verhindern, aber mit seiner ganzen Kraft – auch unter Einsatz des eigenen Lebens –  zu lindern versuchte.

Worin liegt die Bedeutung dieses Mannes für uns?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir in seine Jugendzeit zurückblicken. Franz Stock  – 1904 geboren –  wurde sehr durch den ersten Weltkrieg (1914-18) und durch die Zeit danach mit ihren politischen, ökonomischen und gesell-schaftlichen Wirren beeinflusst. Gedemütigt durch den verlorenen Krieg und die Verträge von Versailles war das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zerrüttet und hasserfüllt. – Der Nährboden für entsprechende Ideologie und eben auch den zweiten Weltkrieg.

Schon zu dieser Zeit war Franz Stock ein glühender Verfechter eines anderen Denkens. Er setzte sich gegen den Franzosen- /und allgemeinen Fremdenhass ein für Verständigung und Aussöhnung zwischen den beiden Völkern. Schon als Jugendlicher und dann als junger Erwachsener schloss und pflegte er Freund-schaften mit Franzosen, wurde so zum Brückenbauer zwischen beiden Völkern, was während des zweiten Weltkrieges noch eine andere Dimension erreichen sollte.

Mutig – und das scheint mir in diesem Zusammenhang wichtig – setzte er sich stets im Rahmen seiner Möglichkeiten für die ihm Anvertrauten ein. Zurück zu seiner Arbeit in den Gefängnissen:  Franz Stock verhielt sich also nicht wie ein Wärter im „Vorhof zur Hölle“ , wie die Gefängnisse auch genannt wurden, sondern er ging mit den Gefangenen durch diese Hölle.

Partei ergreifen für den Schwächeren, auch wenn man das Unrecht selbst nicht beseitigen kann, mutig und couragiert auftreten und etwas wagen, auch wenn es nicht zum eigenen Vorteil dient: um dieses Verhalten geht es, was wir von Franz Stock lernen, an dem wir uns orientieren können.

Ausgehend von Toleranz, gelebte Menschlichkeit, Versöhnung als Geisteshaltung sind die Werte, die auch für uns heute gelten.

Angesichts der Situation und der Herausforderungen unserer Tage hat die aussage in der Präambel unseres Schulprogramms kein bisschen an Aktualität verloren. Ich zitiere:
„Ausgehend vom Leben und Wirken dieses Mannes steht der Name Franz Stock für Werte und Ideale, die auch in heutiger Zeit vermittelt und gelebt werden müssen. In diesem Sinne lassen sich Toleranz, Verständnis, Gerechtigkeit, Bereitschaft zur Verständigung und Versöhnung als Prinzipien formulieren, die geeignet sind, das Leben in der Schule und damit auch den Umgang miteinander im Unterricht zu beeinflussen und zu prägen. Diesen Werten und Idealen möchten wir im Unterricht und im Schulleben gerecht werden.“

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“, sagt eine alte Weisheit. (Umkehrung eines Satzes von Seneca) Und deshalb möchte ich die Präambel ergänzen und sagen, wenn diese Prinzipien letztlich auch unseren Alltag, unser alltägliches Leben prägen, kann sich ungerechtes, menschen-verachtendes, diskriminierendes, negativ populistisches, braunes Gedankengut nicht bei uns breit machen.

Mit diesem Anspruch und unter dieser Zielsetzung möchten wir uns in den Kreis der Schulen einreihen, die sich ebenfalls  Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage  nennen dürfen.